Eine Replik zu AliColognes Blogpost

Ali, den ich aus vielerlei Gründe sehr respektiere, hat einen Blogpost Feminismus – Aus Sicht eines Schwulen geschrieben.

Diesen Post finde ich schwierig, und deswegen möchte ich darauf antworten.

Ali beschreibt in diesem Post, wie er in einer Firma homophobes Verhalten zunächst hingenommen hat, sich hochgearbeitet und professionellen Respekt verschafft hat, und damit viele homophobe Kollegen* bekehrt hat.
Er setzt dies in Kontrast zum Verhalten vieler Feministinnen:

Aber ich hätte es auch anders machen können. Radikaler, aggressiver, einer dieser Kampfschwuppen werden können. Ich hätte jeden sofort angreifen können bei einem Spruch, zum Vorgesetzten gehen, zum Betriebsrat etc. Ich hätte einen Kreuzzug führen können.

Ich entnehme dem Blogpost also den Hinweis an den Feminismus, nicht immer mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, sondern den Sexismus von innen zu zuersetzen.

Hier gebe ich zu bedenken: um in einer Firma Sexismus zu bekämpfen, indem ich mich als kompetente Frau darstelle und damit die Vorurteile Lügen strafe…

…dazu muss ich erst einmal eingestellt werden.

Ich fragte Ali, ob der Arbeitgeber bei der Unterschrift des Vertrages gewusst hat, dass Ali schwul ist.

Das ist genau das Problem: *ich* habe es auf der Stirn stehen.
Ich habe nicht die Möglichkeit, als “normal” (sprich: männlich) durchzugehen.
Ich habe nicht die Möglichkeit, als Mann engagiert zu werden, und erst wenn man mich als kompetent anerkennt, im Nebensatz fallen zu lassen, dass ich ja ne Frau bin.

Einige schwule Männer haben diese Möglichkeit. Sie können sich als “normal” (sprich: hetero) einstellen lassen, und erst später, nachdem die Kollegen sie kennengelernt haben, ihre Homosexualität bekannt geben.
Sie sollten es nicht müssen, aber man ist als schwuler Mann damit nicht mit einer Frau vergleichbar, und damit sind auch die anwendbaren Strategien nicht unbedingt übertragbar.

Versteht mich nicht falsch: ich finde es schlimm, dass wir in einer Welt leben, in der ein schwuler Mann sagt (sagen muss) “Du vergisst das je nachdem wo du dich als Schwuler bewirbst, es besser ist es zu verbergen. Eine Lüge Leben.” (Twitter)
Und ich verstehe, dass Schwule allen möglichen Formen von Diskriminierung ausgesetzt sind.

Aber ich finde es schwierig, wenn Ali die Frauen in ihrem Kampf zu Mäßigung auffordert, weil er es ja auch geschafft hat, seine Firma von innen aufzukrempeln, ohne zum Betriebsrat zu rennen.

Das Problem ist nämlich, das diese Strategie vielen Frauen nicht offensteht, weil sie gar nicht erst in die Firmen reinkommen.

Comments: 4

  1. Frank 8. January 2013 at 14:09 Reply

    “Das Problem ist nur, das diese Strategie vielen Frauen nicht offensteht, weil sie gar nicht erst in die Firmen reinkommen.”

    Auf dieser Prämisse beruht der Blogpost. Nur ist diese Prämisse falsch. Im gesamten öffentlichen Dienst mit Millionen Angestellten/Beamten “werden Frauen bevorzugt eingestellt”. Im privaten Dienstleistungsgewerbe liegen die Frauenanteile bei deutlich über 50%. Das AGG steht schließlich auch noch zur Verfügung, wenn jemand aufgrund des Geschlechts abgelehnt wird.

  2. Frank 8. January 2013 at 14:26 Reply

    Jetzt das Aber! :) Trotzdem sollte man bei ernstlichen Vorkommnissen, insbesondere wenn Vorgesetzte verwickelt sind, SOFORT den Betriebs/Personalrat aufsuchen.

  3. Sonja 8. January 2013 at 15:57 Reply

    Als Frau hatte ich glücklicherweise keine Probleme, eingestellt zu werden. (Im öffentlichen Dienst, um genau zu sein, aber auch dort sind zumindest die Führungspositionen immer noch sehr überwiegend mit Männern besetzt.)

    Als bisexuell habe ich mich dort erst viel später geoutet. Nicht, weil ich Leute vorsichtig “bekehren” will, sondern weil ich die Wahl hatte, weil ich keine Freundin hatte, weil ich es eben nicht sagen *musste*. Für mich besteht zwischen diesen beiden Arten, eine “Minderheit” zu sein, ein großer Unterschied, und es sind nur begrenzt die gleichen Strategien anzuwenden, selbst wenn man davon ausgeht, dass Diskriminierung “auf die sanfte Tour” überhaupt effektiv bekämpft werden kann.

  4. Linkgebliebenes 7 « kult|prok 15. January 2013 at 16:19 Reply

    [...] anekdotaler Gegenentwurf, noch mehr Eindrücke, dann ein Blick eines Schwulen auf Feminismus, die Replik, dann braucht es eine inklusivere Netzkultur, hier kann man in den Kommentaren gleich die Hoffnung [...]

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