Jetzt haben wir den Salat: ich denke über meine Rolle als Frau nach.
Das ist mir bisher fast noch nie passiert…
Nein, ernsthaft: ich bin eine Frau (cis-gendered) und Programmierer.
Und dennoch beschäftige ich mich selten damit, was es heisst, Frau zu sein.
Gender hat für mich noch nie eine Rolle gespielt, denn egal was gerade in meinem Leben vor sich ging, mein *Geschlecht* war nie der Grund für die aktuellen Probleme.
In meiner Kindheit war Gender nie ein explizites Thema. Meine Eltern haben ungerührt Barbies und ferngesteuerte Autos unter den Weihnachtsbaum gelegt (wobei sie Barbies wahrscheinlich für das größere Problem hielten), mich zum American Football oder zum Jazzdance gefahren.
Ich kann backen, tapezieren, bügeln, Wände vertäfeln, nähen und Laminat verlegen.
Meine Karriere als weiblicher Programmierer begann u.a. damit, dass mein Vater – seines Zeichens ebenfalls Programmierer – entschieden erklärte, es gäbe zwar wenige Frauen bei den Programmierern, aber die könnten das genauso gut.
Knapp 25 Jahre später sitze ich nun hier. und mache mir vor dem Hintergrund der Genderdebatte das erste Mal *richtig* Gedanken über mich selbst als politische Frau, sozusagen.
Man muss dazu sagen, dass das IT-Business die wahrscheinlich am wenigsten sexistische Männerdomäne überhaupt sind.
Wenn man da als neuer Mitarbeiter auftaucht, wird schnell abgecheckt, ob man fachlich weiss, wovon man redet.
Auf welche Toilette man dann pinkeln geht, ist Programmierern *sowas* von egal.
Es ist auch nicht so, dass man bei mir vielleicht übersehen könnte, dass ich eine Frau bin. Ich trage immer Make-up, und fast immer hochhackige Schuhe. Das D-Körbchen ist auch nicht wirklich zu übersehen.
Die Tatsache, dass ich eine Frau bin, ist auch offenbar keine Sache, für die ich mich schämen müsste, oder die totgeschwiegen wird.
Nein, meine Weiblichkeit ist ein Teil von mir, genau wie das Marathon-Laufen, das Faible für Motorräder, die Vorliebe für Plüschtier-Hausschuhe Teile anderer Kollegen sind.
In einem Wort: ich fühle mich zwischen den Herren Kollegen *sauwohl*
Vor zwei Monaten bin ich in die Piratenpartei eingetreten, und – man höre und staune – ich fühle mich sauwohl
Und ich weiss wirklich nicht, was ich von der Genderdebatte halten soll.
Erstens kann das ja gar nicht so schlimm sein, weil *ich* mich ja wohl fühle.
Andererseits habe ich ja schon erwähnt, dass ich als Programmierer eine Menge Testosteron produziere.
Insofern erwische ich mich immer wieder bei dem Gedanken “Du solltest in der Frauenfrage die Klappe halten. Du bist ja gar nicht *die* Art von Frau, von denen hier die Rede ist.”
Im Prinzip fühle ich mich also eher den männlichen Computer-Nerds zugehörig, als diesem mythischen Wesen “Frau”, das zum Eintritt in die Piratenpartei verführt werden soll. Insofern bin ich für die “Mehr Frauen”-Aktion wirklich nicht die Zielgruppe, weil ich a) schon da bin und b) weiss, wie man sich unter Computer-Nerds Respekt verschafft.
Andererseits öffnet sich da ja wieder eine Schublade, indem ich als Computer-Nerd mich von einem bestimmten Frauenbild distanziere.
Die Piratenpartei (und überhaupt die ganze Welt) sollte zu einem Punkt kommen, an dem ich sagen kann “Jawoll, ich bin eine Frau, und ich fühle mich schon wohl hier. Lasst uns trotzdem gucken, wie wir *andere* Frauen zum Mitmachen bewegen können”
Dabei müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass es da keine “One Size Fits All”-Lösungen gibt.
Mich persönlich törnen “shrink it and pink it”-Kampagnen total ab. Vielleicht ist das bei anderen Frauen anders?
Vielleicht sollten die Piraten aber auch einen ganz anderen Weg einschlagen…
Nicht explizit den Frauen hinterher rennen, sondern sich allgemein öffnen.
Immerhin wollen wir ja nicht, dass die Frauen uns die Türen einrennen, weil sie *Frauen* sind, sondern weil sie an unserer Politik interessiert sind.
Also sollten wir weiterhin Politik für *Menschen* machen, und damit unter anderem auch Frauen, Migranten, Behinderte und andere Randgruppen ansprechen.
Außerdem sollten wir uns davor hüten, diese Randgruppen in die entsprechenden Themen zu drängen.
Ich zum Beispiel bin zwar eine Frau, habe aber als kinderloser Single mit weiten Teilen der klassischen “Frauen-Themen” wie Kindergartenplätze und Unterhaltsfragen nix am Hut.
So, nachdem ich diesen Post noch einmal gelesen habe, bin ich mir nicht sicher, was eigentlich der Punkt ist…
Ich glaube mein Punkt ist, dass ich Angst habe, dass sich durch diese Genderdebatte da Klima zu schlechteren verändert.
Ich fühle mich sehr wohl als *Pirat*, und ich möchte nicht, dass wir an einen Punkt kommen, an dem ich zuerst als Frau und dann erst als Pirat wahrgenommen werde.
Ich möchte nicht, dass das Gelächter verstummt, wenn ich in den Raum komme, weil man ja aufpassen muss, was man in der Gegenwart von *Frauen* sagt, sonst sind die womöglich beleidigt und spielen nicht mehr mit.
Ich möchte einfach ein Pirat unter Piraten sein.
Geht das?
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