„Da muss man den Wahlhelfern ja auch einfach vertrauen“

Ich habe eben in die Aufzeichnung der KoKo Brandenburg zum Thema Onlineparteitage reingehört.

Dabei ist ein Argument vorgetragen worden, das immer wieder ins Feld geführt wird:

„Bei normalen Wahlen muss man den Wahlhelfern ja auch vertrauen“

Öm.

Nein.

Wahlleitungsgedöns ist eins meiner Steckenpferde in der Partei, und deshalb würde ich das gern kurz ausführen. Insbesondere auch, weil uns immer wieder Animositäten aus dieser Richtung entgegenschlagen „ich muss Euch ja vertrauen“.

Nein, müsst Ihr nicht.

Natürlich wäre es irgendwie cool, wenn ihr dem Wahlpersonal vertraut.
ABER: das System basiert nicht dadrauf.
Ihr könnt uns vertrauen, aber Ihr müsst es nicht.
Das System funktioniert auch, wenn Ihr uns nicht weiter traut, als Ihr uns werfen könnt.
Das System funktioniert selbst dann, wenn Ihr davon ausgeht, dass jeder einzelne Wahlhelfer ein meineidiger Halunke ist, der nur darauf wartet, händeweise Stimmzettel in den Schredder zu werfen.

Wenn wir z.B. auf einem BPT einen neuen Vorstand wählen, ist der Wahlablauf so geregelt, dass jeder überall zugucken kann.

Wir führen z.B. das Wahlhelfer-Ballett auf, bei dem die leeren Urnen gezeigt werden, damit Ihr Euch selbst davon überzeugen könnt, dass niemand vorausgefüllte Stimmzettel in die Urnen geschmuggelt hat.

In einem System, in dem Ihr uns vertrauen müsstet, würden die Wahlhelfer Euch eine geschlossene Urne vor die Nase setzen und sagen
„die ist leer. Davon hab ich mich überzeugt. Nein, Du kannst da nicht reingucken. Ich hab da reingeguckt, ich sage Dir, die ist leer. Da musst Du mir schon vertrauen“

Stattdessen zeigen wir Euch, dass sie leer sind. Wenn Ihr das nicht richtig sehen konntet, habt Ihr einen Anspruch darauf, dass der Wahlhelfer Euch die Urne solange untersuchen lässt, bis Ihr zufrieden seid.

Während des Wahlgangs könnt ihr den Wahlhelfern auf die Finger schauen.
Dass sie die Wahlberechtigung der Wähler richtig prüfen.
Dass sie nur Stimmzettel von Wahlberechtigten zulassen.
Dass sie nix anderes in die Urne werfen oder werfen lassen.

Ihr könnt die Urnen die ganze Zeit im Auge behalten, um Manipulationen auszuschliessen.

Wenn der Wahlgang beendet ist, und die Auszählung beginnt, könnt Ihr wieder die Stimmzettel beobachten.
Ihr könnt sicherstellen, dass die Wahlhelfer nicht an den Zetteln manipulieren, dass sie korrekt zählen.
Ihr könnt sie zu ihrem Bereichsleiter verfolgen und darauf achten, dass der die Zählung richtig ins Auszählprogramm einspeist.
Ihr könnt nachprüfen, ob die Ergebnisse, die im System ankommen, mit denen übereinstimmen, die Ihr beobachtet habt, und ob sich das verkündete Ergebnis mit den abgegebenen Stimmen deckt.
Ihr könnt sogar Einsicht in die Auszählsoftware nehmen.

Wir bewahren die Stimmzettel nach Urnen/Wahlgängen geordnet auf. Das heisst, Ihr könntet im Nachhinein darauf bestehen, das komplette Wahlen oder einzelne Urnen nochmal nachgezählt werden.
(Mit diesem Recht ist es wie mit Superkräften: with great power comes great responsiblity. Bitte macht dem Wahlteam zuliebe nur aus wirklich guten Gründen davon Gebrauch ^^)

Okay, es ist schwer für einen einzelnen, alle Elemente eines Wahlgangs zu beobachten.
Aber theoretisch könntet Ihr Euer eigene Wahlbeobachterkommittee bilden, und dann 100% des Wahlganges lückenlos beobachten.

Wir freuen uns sogar, wenn Ihr aufpasst. Auch wir sind nur Menschen, und manchmal passieren Fehler, auf die Ihr uns dann hinweisen könnt.

Also:
Ihr braucht uns nicht vertrauen, denn das System sieht ausdrücklich vor, dass nichts im Geheimen passiert.

***

Genau dasselbe verlange ich auch von Online-Abstimmungssystemen.

Wenn es dann heisst, da müssen wir den – wasweissich – Akkrediteuren, Admins, wemauchimmer schon vertrauen, dann sage ich: nein! Vertrauen ist  nicht genug.

Wenn es im Design eines Abstimmungssystems eine Ecke gibt, an der es heisst, hier ist keine Kontrolle möglich, hier müssen wir uns systembedingt auf die Verantwortlichen verlassen, dann geht das nicht. Das möchte ich als Wähler nicht, und ich würde es als Verantwortliche nicht wollen.

Ich hab in Berlin eine Weile im LiquidFeedback-Adminteam gearbeitet, und ich kann Euch sagen, es ist scheisse, wenn die Leute einen komisch von der Seite anschauen, weil sie glauben, man hätte die Macht, Abstimmung zu manipulieren.
Das war bei LQFB schon unangenehm, obwohl da die Reaktionen im Rahmen blieben, weil die meisten wissen, dass die Admins keinen Spielraum für Manipulationen haben.

Wenn ich mir nun vorstelle, ich wäre für ein System verantwortlich, in dem ich tatsächlich manipulieren kann? Krass O.O

Also: bitte nur Abstimmungssysteme, in denen wir selbst entscheiden können, ob wir den Verantwortlichen  vertrauen wollen, oder ob wir sie kontrollieren wollen.

Vielen Dank für Euer Interesse 🙂

Comments: 2

  1. Klaus Peukert 20. Dezember 2013 at 12:31 Reply

    Danke für den Text, ich mag ja Deinen Schreibstil. Ich habe mich zuletzt immer wieder gefragt, ob ich solch absurden, nicht im Ansatz (auf relevanten Ebenen) mehrheits- oder umsetzungsfähigem, Unfug durch Beschäftigung oder Kritik daran noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen sollte. Meist hab ich mich dann dafür entschieden, dass die meisten Ideen ganz gut in den Baumhäusern dieser Partei aufgehoben sind und dort verbleiben sollten, damit sie sanft entschlafen können.

    Aber Deinen Text und die Perspektive auf dieses wichtige Backend der piratigen „Faustkeil“-Optimierungen finde ich wichtig genug, um ihn auch unabhängig von der drölfzigsten „Online und Geheim? Das machen wir halt in nem geschlossenen Pad“-Supernasen-Idee weiter zu verbreiten 🙂

    • DanielaKayB 20. Dezember 2013 at 12:49 Reply

      Dass ich diesen Post heute geschrieben habe, hat eigentlich kaum etwas mit der aktuellen Onlineparteitags-Diskussion zu tun…

      Ich habe einfach dieses Argument einmal zuviel gehört 🙂

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